Der Umweg, der zum Glücksfall wurde
Eigentlich sollte mein Praktikum ganz woanders stattfinden. Über eine Kooperation der FH Vorarlberg hatte ich mir einen Platz in Irland gesichert – bis mir die Stelle kurzfristig, zum Ende der Bewerbungsfrist, wieder abgesagt wurde.
Plötzlich stehe ich ohne Praktikumsplatz da, mitten in einer laufenden Vollzeitanstellung und einem parallelen Berufspraktikum in der Hauskrankenpflege.
Aufgeben war keine Option: In den folgenden Wochen habe ich eigenständig mehr als 150 Kliniken, Universitäten und Hochschulen kontaktiert und Bewerbungen verschickt, oft spätabends nach Pflegepraktikum und Arbeit.
Am Ende blieben zwei Optionen übrig: die Unfallstation des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg oder die Zentrale Notaufnahme (ZNA) der Asklepios Nordseeklinik Westerland auf Sylt.
Den Ausschlag gab das, was mich fachlich am meisten reizte: die Arbeit in einer ZNA nach dem Manchester-Triage-System, mit dem ich mich im Studium bereits intensiv beschäftigt hatte. Also stieg ich ins Auto und fuhr rund 1.200 km der Nordsee entgegen.
Zwischen Innerer Medizin und Chirurgie: Alltag in der ZNA
Die Asklepios Nordseeklinik ist das Akutkrankenhaus der Grund- und Regelversorgung auf Sylt – die medizinische Hauptanlaufstelle für Einheimische und die zahlreichen Gäste, die jedes Jahr auf die Insel kommen.
Fachlich deckt das Haus unter anderem Innere Medizin, Chirurgie & Orthopädie, Radiologie sowie Anästhesie und Intensivmedizin ab, mit der ZNA als zentraler Drehscheibe rund um die Uhr.
Mein Arbeitstag begann meist im Frühdienst mit der Übergabe vom Nachtdienst – und dann ging es je nach Aufkommen los: organisieren, priorisieren, reinigen, vorbereiten, versorgen, oft gleichzeitig. Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Bandbreite der Fälle.
In der ZNA trafen internistische und chirurgische Notfälle direkt aufeinander, und je nach Auslastung wechselte ich innerhalb weniger Minuten zwischen beiden Bereichen.
Der eine Patient kam mit akutem Thoraxschmerz, die nächste mit einer Platzwunde und/oder einer Fraktur durch einen Fahrradsturz beim Deich – Innere Medizin und Chirurgie im Halbstundentakt, mitten im Drei-Schicht-System der Notaufnahme.
Auf einer kleinen Insel wird dabei jede Berufsgruppe ein bisschen mehr gefordert. Pflegefachpersonen übernehmen hier Aufgaben, die in großen Häusern oft auf mehrere Berufsgruppen verteilt sind.
Genau diese Mischung aus Flexibilität, Eigenverantwortung und Teamdynamik hat den ZNA-Alltag für mich so lehrreich gemacht.
Zusätzlich durfte ich zwei Wochen in der Anästhesie und auf der Intensivstation mitarbeiten. Dort habe ich operative Eingriffe, verschiedene Atemwegsmanagementverfahren, EKVs und schmerztherapeutische Interventionen hautnah miterlebt/durchgeführt.
Der Vorteil – innerklinisch hatten wir viel weniger Stress, mehr Kontrolle/Übersicht und Ressourcen. Das war zum Rettungsdienst eine super tolle Erfahrung.
Diese Kombination aus Notaufnahme, OP-nahen Bereichen und Intensivstation hat mir geholfen, klinische Entscheidungsprozesse als großes Ganzes zu verstehen, statt nur einen Ausschnitt davon zu sehen.
Die Lernkurve im Akutkrankenhaus
Ehrlich gesagt: Der Einstieg war nicht einfach. Eine strukturierte bzw. generell eine Einführung fehlte, Zuständigkeiten waren unklar, und eine feste Begleitperson hatte ich leider auch nicht. Statt zu warten, bis sich das von selbst löst, habe ich das Gespräch mit einzelnen Mitarbeiter:innen gesucht und mir aktiv einen Platz im Team erarbeitet.
Diese Erfahrung hat mir sehr deutlich gezeigt, wie entscheidend eine gute Praxisanleitung, klare Lernziele und regelmäßiges Feedback für den Lernerfolg von Praktikant:innen sind – ein Thema, das mich auch fachlich im Studium (und bei jedem Praktikum) begleitet.
Gerade weil nichts vorgekaut war, habe ich im Setting eigenständig zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und aktiv nach Lernmöglichkeiten zu suchen. In der Ersteinschätzung, in der Akutversorgung und in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen konnte ich Theorie und Praxis so eng verknüpfen wie selten zuvor – aus anfänglicher Unsicherheit wurde Schritt für Schritt echte Handlungssicherheit.
Wenn die Insel an ihre Grenzen kommt: Pfingsten in der ZNA
Ein Moment ist mir besonders im Gedächtnis geblieben (von witzig bis fragend :-): das Pfingstwochenende.
Aufgereizte Kapazitäten, ein ununterbrochener Strom an Patienten:innen, und mittendrin der Anspruch, trotzdem strukturiert, sicher und effizient zu arbeiten. Genau in diesen Situationen zeigt sich, was ein kleines Team wirklich leisten kann.
Ich habe erlebt, wie aus Einzelkämpfer:innen ein eingespieltes Team wird, wenn es darauf ankommt – und wie viel Inselbetrieb, Tourismus und Notfallversorgung an solchen Wochenenden tatsächlich miteinander zu tun haben.
Inselmedizin: kurze Wege auf der Karte, große Herausforderungen im System
Was von außen oft romantisiert wird, ist im Klinikalltag hochkomplex. Inselmedizin bedeutet kurze Wege auf der Landkarte, aber oft begrenzte Möglichkeiten in der Diagnostik, Spezialisierung und Weiterbehandlung.
Nicht jede Fachrichtung kann vor Ort vollständig abgedeckt werden – bei komplexeren Fällen gehören Verlegungen aufs Festland zum Alltag und erfordern vorausschauende Planung, interprofessionelle Abstimmung und ein hohes Maß an Flexibilität.
Auch Themen wie Wohnraum und Personalbindung, die auf dem Festland oft abstrakt bleiben, werden auf einer Insel plötzlich sehr konkret spürbar.
Fazit: Work-Life-Balance mit Meerblick
Nach der Schicht ins Feierabendlicht treten, der Wind salzt in den Haaren, und statt Stadtlärm nur Wellenrauschen und Dünengras – das ist ein Kontrastprogramm, das man erst verstehen kann, wenn man es selbst erlebt hat. (… klingt schon ein bisschen nach Kitsch!)
Sylt hat mir gezeigt, dass Erholung und Anspannung, Naturidylle und (Hochleistungs-) Medizin nicht im Widerspruch stehen müssen, sondern sich gegenseitig tragen können. Der Arbeitsalltag in der ZNA war überschaubar – dennoch nutze ich das Inselleben und ein/zwei Strandspaziergänge als Ausgleich.
Wenn ich aus diesen zwei Monaten eines mitnehme, dann das: Sicherheit entsteht nicht nur durch Wissen, sondern durch Eigeninitiative, Kommunikation und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.
Mein Wunschpraktikum auf Sylt war technisch wertvoll – aber vor allem war es eine sehr persönliche Weiterentwicklung.
Deshalb mein Tipp an alle, die noch zögern: Bewerbt euch für Praktika an ungewöhnlichen Orten. Auf einer Insel, in einem anderen Land, in einer Einrichtung, die euch aus eurer Komfortzone holt.
Ihr werdet nicht nur fachlich wachsen, sondern auch persönlich – und vielleicht, so wie ich, am Ende der Schicht barfuß am Strand stehen und wissen, dass sich der ganze Papierkram, die Absagen und die Extra-Meile wirklich gelohnt haben.

